Die Initiative

Wie alles begann

Zu Beginn von „Gesunde Kinder – Gesunde Zukunft“ stand eine einfache Frage: Wie geht es den Kindern in Deutschland? Das Ergebnis, zu dem die Präventionsexperten des AOK-Bundesverbandes kamen, war zwiespältig. Einerseits gibt es nur wenige Länder auf der Welt, in denen Kinder so behütet und in so umfassender materieller Sicherheit aufwachsen wie in der Bundesrepublik. Daran konnte – bei aller Kritik an sozialen Ungleichheiten, die es auch hierzulande gab und gibt – niemand zweifeln. Gleichzeitig beobachteten die Fachleute schon damals einen beunruhigenden Trend: Deutsche Kinder waren dicker und unbeweglicher als je zuvor. Dabei gilt laut Robert-Koch-Institut (RKI), dass Übergewicht und Fettleibigkeit zwei der größten Risiken für das körperliche wie seelische Wohlergehen der Menschen im 21. Jahrhundert sind.

Bereits 2006 stellte das RKI zum Beispiel in der Basiserhebung der so genannten KIGGS-Studie[1] fest, dass zum damaligen Zeitpunkt 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen übergewichtig waren, sechs Prozent sogar adipös (= fettleibig). Verglichen mit den Jahren 1985 bis 1999 gab es damit rund 50% mehr Kinder und Jugendliche mit Übergewicht und doppelt so viele mit Adipositas. Alarmierend war aus Sicht der Forscher auch, dass der Anteil der übergewichtigen Kinder mit dem Alter immer weiter stieg (siehe Grafik 1). Dieser Befund hat sich in den Folgejahren bestätigt.

Daten aus der KIGGS-Studie des Robert-Koch-Instituts (Grafik 1)

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Die AOK sah sich in der Pflicht, die von verschiedensten Experten beschriebenen Problemfelder wirksam anzugehen. Zwar engagierte sich die Kasse schon seit vielen Jahren im Bereich der Gesundheitsförderung; Neuland musste sie also nicht betreten. Im Jahr 2007 fiel gleichwohl der Startschuss für eine Kampagne, die es in dieser Form noch nicht gegeben hatte: Gesunde Kinder – Gesunde Zukunft. Alle gesellschaftlich relevanten Gruppen sollten einbezogen werden. Vorneweg natürlich: die Eltern! Aber auch Erzieher und Lehrer, wissenschaftliche Fachinstitute, Länder und Kommunen sowie die Medien. Ziel: Ein breites, miteinander vernetztes Angebot unterschiedlichster Maßnahmen im Bereich der Gesundheitsförderung bzw. Prävention (siehe Info-Kasten 1) –  oder: „Kinder stark fürs Leben machen“.

Was ist der Unterschied zwischen Gesundheitsförderung und Prävention?

In der Praxis lassen sich beide Interventionsformen nicht ohne weiteres voneinander unterscheiden – sie ergänzen sich. Bei der Gesundheitsförderung geht es dabei vor allem um eine Stärkung der gesundheitlichen Ressourcen während mit Hilfe der Prävention besonders die Auslösefaktoren von Krankheit zurückgedrängt werden sollen.

Eine starke Basis: Die AOK-Familienstudie

Von Anfang an wurde „Gesunde Kinder – Gesunde Zukunft“ durch das Zusammenwirken  verschiedenster Partner aus Medien und Wissenschaft bestimmt. Besonders wichtig: das WHO-Kooperationszentrum für Kindergesundheit an der Universität Bielefeld. Die Gesundheitswissenschaftlerinnen Prof. Dr. Ulrike Ravens-Sieberer und Nora Wille sowie der Sozialforscher Dr. Wolfgang Settertobulte erarbeiteten im Auftrag der AOK und des Wochenmagazins „Der Stern“ die Studie „Gesunde Kinder: Was Eltern für ihren Nachwuchs tun können“ oder kurz: „Die AOK-Familienstudie“. Primäres Ziel war es, für Familien lebensnahe Vorschläge zu formulieren, die ein gesundes Aufwachsen von Kindern fördern. Die Studie sollte familiäre Realitäten abbilden und die jeweils vorliegenden Risiko-, vor allem aber geeignete Schutzfaktoren näher untersuchen. Der Fokus lag dabei auf den Bereichen Ernährung, Bewegung und psychische Gesundheit (Stress).

Familiäre Schutzfaktoren

Insgesamt wurden 30 Familien eingehend untersucht, bei denen unveränderliche bzw. nur schwer zu verändernde Risikofaktoren (z.B. niedriger sozioökonomischer Status der Eltern, schlechte Wohngegend, Migrationshintergrund) vorlagen. Die Forscher suchten einerseits Familien aus, bei denen das vorliegende Risiko auch tatsächlich mit einem negativen Ergebnis hinsichtlich Ernährung, Bewegung und Psyche der Kinder einherging (z.B. Übergewicht) und andererseits solche, bei denen – obwohl relevante Risikofaktoren vorlagen – das Ergebnis positiv war. Die Erkenntnisse der Studie ergaben sich vor allem aus dem Vergleich dieser Familien. Aus den geführten Interviews entwickelten die Forscher dann positive Strategien für ein gesundes Aufwachsen – sie lernten gewissermaßen von jenen Familien, bei denen „es gut lief“.

Im Kern bestätigte sich, dass familiäre Schutzfaktoren negative Auswirkungen vorhandener Risikofaktoren neutralisieren können. Und die dahinter liegenden Maßnahmen sind alles andere als komplex:

  • Gemeinsame Mahlzeiten
  • feste Tagesabläufe
  • klare Regeln (an die sich auch die Eltern halten müssen)

Die Studienmacher haben ihre Empfehlungen bewusst so gestaltet, dass jeder sie nachvollziehen und leicht umsetzen kann:

Setting noch nötig?

Trotz der interessanten und durchaus einleuchtenden Studienergebnisse blieb eine Frage offen: Wenn das Elternhaus eine so wichtige Rolle spielt, ergeben dann so genannte Settingansätze in Schulen und Kindergärten überhaupt noch Sinn? Prof. Dr. Ravens-Sieberer äußerte sich hierzu in „Gesellschaft und Gesundheit“ eindeutig: „Kinder verbringen einen großen Teil des Tages in der Schule oder im Kindergarten. Deswegen ist und bleibt es absolut notwendig, dass sich alle Institutionen, die mit Kindern arbeiten, maximal um die Gesundheitsförderung bemühen. Gerade, wenn man auch sozial benachteiligte Familien erreichen möchte, sind Setting-Ansätze in Kindergärten und Schulen am sinnvollsten.“ Und auch hier ist die AOK gut aufgestellt – auch und vor allem in den einzelnen Ländern. Die AOK Hessen zum Beispiel gibt pro Jahr über drei Millionen Euro für Setting-Projekte in nichtbetrieblichen Lebenswelten aus.

Was ist der Setting-Ansatz?

Der Setting-Ansatz zielt auf die bewusste Veränderung von Verhaltensweisen in konkreten Lebenswelten (z.B. Schule, Kindergarten, Arbeitsstätte). Dabei sollen die Zielgruppen befähigt werden, ihren Alltag aus sich selbst heraus gesundheitsfördernd zu gestalten („Life-Skills“ zu erwerben).

„Health is created and lived by people within the settings of their everyday life; where they learn, work, play, and love.“
(Ottawa-Charta, Vereinte Nationen)

Setting und mehr: Was vor Ort passiert

Als Gesunde Kinder – Gesunde Zukunft im Jahr 2007 startete, war die hessische AOK von Beginn an mit dabei. Sie setzte dabei – ähnlich wie andere AOKn – zunächst vor allem auf das Präventionsprojekt „TigerKids“. Dessen Ansatz: Erzieherinnen und Erzieher schulen und fit machen für einen gesunden Kita-Alltag. Denn genau dort entstehen Gewohnheiten und Verhaltensweisen, welche die Gesundheit fördern bzw. erhalten. Das AOK-Programm „JolinchenKids – fit und gesund in der KiTa“ (so der heutige Name des Angebots) möchte Kitas in ihrer Arbeit unterstützen und bietet gezielte, wissenschaftlich fundierte Informationen sowie didaktisches Material und Anregungen für die flexible Einbindung von gesundheitsfördernden Maßnahmen im Kita-Alltag. Dabei steht das Konzept von  JolinchenKids exemplarisch für alle Setting-Programme der AOK Hessen: genau dorthin gehen, wo sich die Kinder (und auch die Erzieherinnen) ohnehin aufhalten. Und: Dran bleiben, evaluieren, weiterentwickeln.

„Gesundheitsförderung darf sich nie auf der Stelle bewegen. Sie muss sich an den gesellschaftlichen Entwicklungen orientieren – das ist essentiell“, sagt Kerstin Roth. Die Präventionsschefin der AOK Hessen verantwortet zusammen mit seinem Team aus Ernährungswissenschaftlern, Psychologen, Sportlehrern und Suchtexperten die Angebote der Gesundheitskasse.

Sie lassen sich grundsätzlich in vier große Bereiche unterteilen:

  • Bewegung
  • Ernährung
  • Entspannung
  • Sucht

Dabei ist deren Verhältnis zueinander in hohem Maße interdependent. Natürlich gibt es Menschen, die „nur“ einen Yoga-Kurs absolvieren möchten oder sich ausschließlich für Nordic Walking interessieren. Denn auch hier liegt ein Schwerpunkt der AOK-Aktivitäten: individuelle Angebote, auch und gerade für Familien. Besonders im Setting-Bereich, in dem es vor allem um die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen geht, müssen die Bereiche jedoch wie Zahnräder ineinandergreifen. Eben wie bei JolinchenKids, wo vor allem Bewegung, Ernährung und Entspannung „verzahnt“ werden.

Kinder sollen gesund aufwachsen

„Alle Kinder sollen gesund aufwachsen können. Wir sind uns unserer sozialen Verantwortung in dieser Hinsicht sehr bewusst“, sagt Detlef Lamm. Der Vorstandsvorsitzende der AOK Hessen erklärt den großen Umfang der Aktivitäten ganz bewusst auch mit der Rolle als Marktführer: „Wer soll das tun, wenn nicht wir mit unserer Größe und Expertise?“ Deshalb handele die AOK Hessen proaktiv und schaffe Kindern wie Eltern, die Möglichkeit, Gesundheit entspannt zu lernen und vor allem zu leben. Aus ihrer langjährigen Erfahrung heraus biete sie Gesundheitslösungen, die Kinder dabei unterstützen gesund aufzuwachsen und Eltern helfen, ihren Alltag entspannt und gesund zu erfahren.

In jeder dritten Familie kaum körperliche Aktivität

Die im Juli 2018 veröffentlichte dritte Familienstudie zeigt, dass in vielen deutschen Familien die Bewegung zu kurz kommt. Befragt wurden 5.000 Mütter und Väter vom IGES-Institut im Auftrag der AOK. Zwar bewegen sich 45 Prozent von ihnen täglich mit ihren Kindern. Für jede dritte Familie spielt körperliche Aktivität in der Freizeit aber überhaupt keine Rolle. Ein Grund könnte Stress der Eltern sein, den 40 Prozent als größten Belastungsfaktor ansehen. Allerdings ist die zeitliche Belastung im Vergleich zur letzten Studie vor vier Jahren um sechs Prozent zurückgegangen, gleichwohl sind die partnerschaftlichen Probleme im selben Maße angestiegen. Eine 24-seitige Summary zur Studie mit Grafiken finden Sie hier.